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"WI(E)DERHALL" zum ersten Jazz-Gottesdienst Deutschlands vor 70 Jahren in Halle 

Sonntag 04.10.2026 um 17:00 Uhr in der Marktkirche 'Unser Lieben Frauen' Halle (Saale)

Gottesdienst in der Erinnerung an den ersten Jazz-Gottesdienst beider deutscher Staaten vor 70 Jahren in der Marktkirche 

Besetzung: 

Uwe Steinmetz - Altsaxophon
Ecki Gleim - Gitarre
Albrecht Brandt - Kontrabass
Hannes Lingens - Schlagzeug
PopChor Halle
Leitung: Christoph Zschunke

Texte: Susanne Zeh-Voß und Simone Carstens-Kant 

Zu den Musikern: 

Ecki Gleim (*1962) ist Gitarrist aus Halle und als solcher schon seit 1985 freiberuflich tätig. Er bewegt sich zwischen den Genres Jazz, Blues und Pop mit lokalen Musikern bis hin zu Bekanntheit wie Kenny Wheeler, Lee Konitz oder Nina Hagen.

Albrecht Brandt (*1996) ist Kontrabassist und Komponist aus Halle an der Saale. Seine Spielweise steht in der Tradition des akustischen Klangs, wie ihn die Bassisten der 50er und 60er Jahre geprägt haben, in die er Innovationen heutiger Tage aufnimmt. So bewegt er sich zwischen Jazz, experimenteller Musik und exzentrischen Songs in verschiedenen Bands und Reihen. Dazu gehört das Duo mit Sylvie Viain und die Konzertreihe Jazzklub im Pierre Grasse. Des weiteren ist er Gründungsmitglied des Jazzkollektiv Halle, das mit zahlreichen Veranstaltungen das Kulturleben dieser Stadt bereichert.

Musik | Albrecht Carl Brandt 

Albrecht Carl Brandt – Home

Hannes Lingens (*1980 bei Hamburg) lebt als Musiker und Komponist in Berlin und Halle (Saale). Er bewegt sich mit Vorliebe in der Grauzone zwischen improvisierten und komponierten Formen experimenteller Musik. Als Schlagzeuger, Akkordeonist und Vibraphonist gehört er den Ensembles Obliq, Modèle Réduit und Die Hochstapler an und arbeitete mit Künstler*innen wie Peter Ablinger, Sven-Åke Johansson, Chiyoko Szlavnics und John Tilbury zusammen. Er ist Mitbegründer des Musikerkollektivs Umlaut Berlin und des Jazzkollektivs Halle. Seine Musik ist auf zahlreichen Veröffentlichungen dokumentiert und war auf Festivals wie Moers, Jazzfest Berlin, Météo Mulhouse und auf den Donaueschinger Musiktagen zu erleben. 

home : Hannes Lingens

Geschichte: 

Es war 1956 am 7. Oktober – exakt am siebten Jahrestag der Gründung der DDR, an dem in der Marktkirche Halle zum ersten Mal in Deutschland in einer Kirche eine Jazz-Band spielte. Außerdem war ein Chor aus ´dem Westen´ zu Gast, die „Spiritual-Singers“ (Düsseldorf) sangen sog. „Geistliche Negermusik“ (damals fehlte noch jegliche Sensibilisierung). Das war kulturell und spirituell absolutes Neuland und ein Fest der Freiheit und Entgrenzung innerhalb kirchlicher Mauern, und damit natürlich auch eine mutige Provokation gegenüber der DDR-Diktatur, gefolgt von allerlei Repressalien durch die damalige Staatssicherheit. Kirche damals im Osten war DER Raum für freien Dialog in vielerlei Hinsicht, zwischen Bedrängnis und Freiheit, zwischen Fremdem und Vertrautem, in kultureller und religiöser Weite vor allem der jungen Generation gegenüber in Kirche und Gesellschaft. Und der JAZZ war und ist bis heute das Medium, das zwischen diesen Welten Gräben überwindet und Brücken bauen kann!
An die 2.000 Besucher wurden damals gezählt. Es existieren Tonaufnahmen der Texte und von der Musik (hier der Link) und auch das Plakat von damals ist im Archiv.Diesem Ereignis vor 70 Jahren wollen wir gemeinsam und in besonderer Weise gedenken, gerade JETZT in unseren spürbaren gesellschaftlichen Brüchen.

Unser Lieben Frauen 1956 als Freiraum für den Jazz

Im geteilten Nachkriegsdeutschland begeisterte sich insbesondere die junge Generation für Jazz als Musik, die für Internationalität, Improvisation und individuellen Ausdruck stand. In der DDR war Jazz von einem grundlegenden Spannungsverhältnis umgeben: Die SED- Führung begegnete ihm mit Misstrauen und bewertete ihn zeitweise als Ausdruck westlicher beziehungsweise „imperialistischer“ Kultur. Walter Ulbricht bezeichnete ihn sogar im Duktus des Nationalsozialismus als „Affenkultur“. Jazz war jedoch nicht grundsätzlich verboten; seine kulturpolitische Bewertung schwankte zwischen Duldung, Förderung und Repression.
Eine besondere Rolle spielte Halle an der Saale. Mitte der 1950er Jahre entwickelte sich die Stadt zu einem Zentrum der ostdeutschen Jazzszene. Studenten wie Siegfried Schmidt-Joos und Musiker wie Alfons Zschockelt gründeten eine Jazz-Arbeitsgemeinschaft, organisierten Vorträge und Konzerte und vermittelten Jazz als eigenständige Kunstform. Zu den Veranstaltungen kamen teilweise mehrere tausend Besucher. Die Hallenser Szene war zudem mit Jazzfreunden anderer DDR-Städte und der westdeutschen Jazzszene verbunden. Diese Entwicklung fiel in die Phase des kulturpolitischen „Tauwetters“ nach 1953. Jazzmusiker konnten zeitweise öffentlich auftreten und erreichten sogar Rundfunk und Fernsehen. Besonders deutlich wurde dies 1956 am 7. Oktober hier, in der evangelischen Marktkirche Unser Lieben Frauen. Am 7. Oktober 1956 fand die gut besuchte Veranstaltung 
„Jazz und Kirche“ mit Jazz und Spiritualmusik statt. Beteiligt waren die Hallenser Dixieland- Jazzband um Alfons Zschockelt und ein Spiritualchor aus Düsseldorf; außerdem gab es ein Podiumsgespräch.
Die Veranstaltung war in Deutschland die erste öffentliche deutsche Präsentation von Jazz mit seinen afroamerikanischen Wurzeln als religiöse Musik in einem kirchlichen Raum – vielleicht die erste überhaupt außerhalb der USA. Jazz erschien damit nicht mehr nur als „amerikanische Unterhaltungsmusik“, sondern als Ausdrucksform, die mit humanistischen und religiösen Fragen nach Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden verbunden werden konnte. Die Veranstalter, der Journalist Reginald Rudorf und der Theologe Prof. Dr. Arno Lehmann, betonten besonders die freiheitliche Dimension des Jazz: Jenseits nationaler Schranken berühre er die Wurzeln des Menschseins und verdiene deshalb einen Platz als religiöse Musik in der Kirche. Diese Gedanken erwiesen sich als erstaunlich visionär. Im folgenden Jahrzehnt entstand mit dem Spiritual Jazz von John und Alice Coltrane, Duke Ellington und Mary Lou Williams ein Genre, das Jazz ausdrücklich als geistliche und universelle Musik verstand. Martin Luther King Jr. brachte wenige Jahre später diese Verbindung von Jazz, Freiheit und Sinnhaftigkeit in seinem Grußwort zum ersten Berliner Jazzfest 1964 auf den Punkt: „Jeder hat den Blues. Jeder sehnt sich nach Sinn. Jeder muss lieben und geliebt werden. (…) Jeder sehnt sich nach Glauben. In der Musik, insbesondere in dieser weiten Kategorie namens Jazz, gibt es einen Weg zu all dem.“
Doch bereits 1957 änderte sich in Halle die Situation grundlegend. Die kulturpolitische Öffnung wurde beendet, die staatliche Kontrolle nahm zu. Die gewalttätige Verfolgung und Inhaftierung Reginald Rudorfs wurde zum Symbol dieser Entwicklung. Auch die Hallenser Jazz-Arbeitsgemeinschaft konnte ihre Arbeit nicht fortsetzen.
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Jazz und Kirche“ von 1956 steht damit exemplarisch für einen Freiraum, der seinerzeit eine zukünftige Dimension des Jazz eröffnete: Hier begegneten sich moderne Jugendkultur und die Eigenständigkeit der evangelischen Kirche auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen christlicher Musik. Die späteren Jazz- und Bluesmessen der DDR, die Friedliche Revolution von 1989 und die weltweite Entwicklung des Jazz als kultur- und religionenverbindende Sprache geben dem Geist von 1956 eindrücklich Recht.

Das Ringen um freien Ausdruck, menschliche Gerechtigkeit, Aussöhnung und Frieden bleibt bis heute ein Fundament des Jazz in vielen Ländern und steht gegen alle politischen Kulturkämpfe, die Kunst und Künstlerinnen und Künstler ausgrenzen, wenn sie nicht ins jeweilige Parteiprogramm passen. Um mit Martin Luther King Jr. zu schließen: Wir alle haben den Blues. Wir alle sehnen uns nach Sinn, Glauben, Liebe und Freude. Jazz kann eine Quelle für all dies sein.

Uwe Steinmetz, 07.09.2026

Und noch mehr zur Geschichte der Jazz-Gottesdienste finden Sie auch hier 
Im Anschluss an den Gottesdienst sind Sie zu kulinarischen Genüssen und hoffentlich dem ein oder anderen Gig eingeladen. 

Jazz-Gottesdienst